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Aktuelles & Neues

21.08.2019

2019 - Bericht Danijela Jefic

2019 - Bericht Danijela Jefic

Vorwort

Ich kann nicht genau sagen, warum ich mich ausgerechnet für Afrika entschieden habe. Ich war auf der Suche nach einem neuen Arbeitsbereich und neuen Herausforderungen und bin dabei auf dieses Projekt gestoßen. Bei meiner Teilnahme an einer Veranstaltung von „Kindern eine Chance“ in Innsbruck war ich sehr angetan vom Engagement der Organisatoren und den Ergebnissen, die sie in Uganda in kurzer Zeit erreicht hatten. Ich trat mit ihnen in Kontakt und nach einem positiv abgelaufenen Bewerbungsgespräch einigten wir uns über die Aufenthaltsdauer von 3 Monaten(Ende Jänner bis Ende April 2019) in der Christoph BettermannS chule 1 in Zigoti (Im Folgenden steht ACFC für A Chance for Children, dem Namen der ugandischen Organisation von Kindern eine Chance)

Meine Ausbildung: Ich absolvierte die Sozial Akademie und später ein Masterstudium für Soziale Arbeit in Innsbruck. Ich bin seit mehr als zwanzig Jahren als Assistentin für Menschen mit Behinderungen in Innsbruck tätig.

Die Hauptaufgaben in Uganda:

1) Hausbesuche gemeinsam mit dem Sozialarbeiter

Ich arbeitete an drei Tagen pro Woche im engen Austausch mit dem ugandischen Sozialarbeiter. Wir machten gemeinsam, mit dem Motorrad durch ein großes Gebiet fahrend, Hausbesuche bei Familien, die Kind/er mit Behinderung haben und auch Schulbesuche. Hier ging es um intensiven inhaltlichen Austausch zu verschieden Themen und Problemsituationen wie z.B.

Die Gesundheit: Oft gibt es keine medizinische Abklärung, oder keine genaue Diagnose. Hier war/ist unser Bestreben, in Zusammenarbeit mit dem Therapieteam der Organisation, sowie mit den Ärzten, mehr Klarheit zu schaffen.

Die Sprachlosigkeit: Es stellte sich heraus, dass Sprachlosigkeit bei Kindern sehr verbreitet ist und oft kann niemand sagen warum. Wir diskutierten intensiv wie hier geholfen werden kann, dem Kind „ eine Stimme“ zu geben. Die Organisation ist hier bemüht einen Sprachtherapeuten anzustellen. Es wurde ebenfalls intensiv diskutiert, welche Lösungen es hier außerdem noch geben könnte.

Verhältnis der Familie zum Kind mit Behinderung: Es kommt leider immer wieder vor, dass ein Kind mit Behinderung in irgendeiner Form abgelehnt wird oder niemand in der Familie sich verantwortlich fühlen will dafür und am liebsten einfach das Kind an die Organisation abgeben möchte. Indem wir, die Mitarbeiter der Organisation, uns damit auseinandersetzen bzw. hin- und nicht wegschauen tragen wir zu mehr Unterstützung, Akzeptanz und Auseinandersetzung mit dem Thema in der Familie und letztlich in der Gesellschaft bei.

Traditionen und Glauben in Bezug auf Behinderung: Manchmal glaubten die Caretaker (Obsorgeperson), dass eine „Witchkraft“ ihre Finger im Spiel hat und man nichts für ein Kind mit Behinderung tun kann. Wir waren bemüht den persönlichen Horizont der Betroffenen zu erweitern und Handlungsmöglichkeiten aufzutun.

Hilfsmittel: Wir nahmen bei Hausbesuchen Informationen auf, wenn z.B. ein Kind ein Gehhilfsmittel benötigte und gaben den Auftrag weiter an das Therapieteam, den Orthopäden oder an den Tischler, um es anzufertigen. Manchmal transportierten wir diese Hilfsmittel zu den Betroffenen in den Dörfern.

Vermittlerrolle: Es kam auch vor, dass die Eltern des Kindes mit Behinderung sich trennten, und das Kind darunter litt. Wir waren bemüht, hier nach Lösungen zu suchen.

Wir diskutierten intensiv über die Unterschiede zwischen den Themen „Grenzen, Bestrafung und Konsequenz“ und über „Verantwortung“.

Vernetzungsarbeit mit lokalen „Chiefs“, Gesundheitszentren, Krankenhäusern, anderen Schulen usw. Es gab immer wieder Probleme mit der Verfügbarkeit von Medikamenten, insbesondere bei Epilepsie. Wenn nämlich geringer Bedarf an einem Medikament besteht, dann kann es vorkommen, dass dieses von der Bestellliste des jeweiligen Gesundheitszentrums gestrichen wird. Dieser Umstand kann dann ein Problem für die betroffenen Familien werden. Die Entfernung zum nächsten Krankenhaus ist oft sehr groß und die Transportkosten können das Familienbudget schwer belasten. Hier wurden die bestehenden Strategien, wie man die betroffenen Familien unterstützen kann, weiterentwickelt.

„Nutrition Program“: Wir lieferten für die Kinder mit Mangelernährung Lebensmittel Pakete, die die Organisation zur Verfügung stellt. In besonderen Fällen war es notwendig, dass Kinder im Krankenhaus registriert werden, damit sie regelmäßig (monatlich) spezielle Nahrung bekommen können. Es wurde zu diesem Thema in der CB1 Schule ein Workshop mit einem externen Experten organisiert. Es wurden alle Betroffenen zu diesem Workshop eingeladen.

Die Bildung: Wir besuchten Kinder in verschiedenen Schulen(ACFC Schulen, staatliche Schulen die mit ACFC kooperieren und private Schulen). Es wurden Schulgebühren von der Organisation übernommen, nach schulischen Leistungen der Kinder gefragt, nach passender Schule oder Ausbildungsstätte gesucht usw. Bildung ist ein Schwerpunkt der Arbeit von ACFC und es gibt immer noch sehr viel zu tun. Herausforderungen gibt es genügend: Die Kinder gehen manchmal nicht zur Schule, weil die Eltern überfordert sind, sich um sie zu kümmern oder weil sie sie zuhause für die Gartenarbeit brauchen. Es gibt Familien, die sehr oft umziehen (Nomadenleben). Ihre Kinder wechseln folglich die Schule und die Eltern vergessen dann ACFC zu informieren. Dieser Umstand macht die Unterstützung der Kinder schwierig. In den Teamsitzungen wird intensiv darüber nachgedacht, wie mit all diesen Herausforderungen zukünftig umgegangen werden kann.

Geistige Behinderung, Lernschwierigkeiten, Verhaltensauffälligkeiten: . Hier begegnete uns sehr oft eine Überforderung der Caretaker, wenn zB. Ein Kind aus unerklärten Gründen „Wutanfälle“ bekam, oder von zuhause weglief. Hier bemühten wir uns orientierungs- und richtunggebend zu arbeiten.

Teilnahme an „Piggery and Seeds Project“( Schweinehaltung und Samen)

2) Dokumentation und Planung

An zwei Tagen pro Woche war ich mit der Büroarbeit, genauer- dem Sortieren und Ordnen der Dokumentation (PC und Papierform) beschäftigt. Wichtige Aufgaben in diesem Bereich waren:

Einführung eines Hausbesuchsystems, eine der spannenden und zugleich sehr herausfordernden Aufgaben.

Bemühungen einen besseren und leichteren Informationsfluss zu ermöglichen

Organisieren von PC Workshops, damit unsere ugandischen Mitarbeiter mit den wachsenden bürokratischen Anforderungen und mit der Arbeit am Computer, zukünftig besser zurecht kommen.

Manchmal drängten sich unerwartete Termine und Ereignisse vor wie Begleitung eines Kindes ins Krankenhaus, Gespräche mit den Ärzten, ein wichtiges Elterngespräch usw.

3) Schule und Alltag:

Aus Zeitgründen war ich leider nur am Rande in der CB1 Schule tätig, wo wir die Ideen und Vorschläge über verschiedene Themen austauschten wie z.B:

Inklusion: Es wurde überlegt und nach Begegnungsräumen zwischen Kindern mit Behinderung (Kinder der CB1) und der Dorfgemeinschaft gesucht. Eine umgesetzte Idee waren gemeinsame Kirchenbesuche.

Hygiene: Wir besprachen Problemstellungen, Verbesserungs- und Umsetzungsmöglichkeiten.

Kommunikation und Alltag mit Kindern: Ermutigung bei der Suche nach Interaktionsformen und Gestaltung der Freizeit im Internat.

Ziele: Unterstützung bei Zielformulierung und Umsetzung.

4) Bautechnisches:

In Zusammenarbeit mit anderen Freiwilligen sowie einheimischen Mitarbeitern wurde eine kleine Solaranlage installiert damit man den PC regelmäßig benützen kann. Es kam nämlich oft zu großräumigen Stromausfällen im großen Umkreis was dann die Dokumentationsarbeit am PC erschwerte.

Herausforderungen

In Ugandas Gesellschaft herrscht ein sehr starkes Hierarchiesystem: sei es in der Familie oder bei der Arbeit. Jedem ist sein Platz zugeordnet, und es wird von oben nach unten den Anweisungen gefolgt. Ob dieses System nützlich ist, war nicht das Thema. Ich versuchte aber zu vermitteln, dass jeder an seinem Platz wichtig ist. Niemand ist mehr oder weniger wert, nur weil er sich in der Hierarchie an einer anderen Stelle befindet. Und vor allem, dass die Arbeit am besten gelingt in der guten Zusammenarbeit der aller Beteiligten.

Englischkenntnisse besitzt nicht jeder in Uganda. So war ich oft auf meine ugandischen Kollegen angewiesen, mir die Inhalte zu übersetzen- sowohl in der Schule im Kontakt mit Kindern, Helferinnen und Erzieherinnen, als auch in den Dörfern im Kontakt mit den Familien.

Der berufliche Alltag in Uganda war sehr Zeit- und kräftemäßig intensiv und zugleich sehr bereichernd. Manchmal stand ich unter Zeitdruck und war mir nicht sicher, ob sich die Erledigung gewisser Aufgaben noch vor meiner Abreise und in zufriedenstellender Weise ausgehen würde. Was die Lebensumstände der Menschen dort betrifft, darf man keine Versuche machen, sie mit den unsrigen, europäischen zu vergleichen.(Was mir manchmal doch schwer gefallen ist) Denn viel zu oft herrscht Raumknappheit und oder schlechte Bauweise, Wassermangel, Geldmangel um die Kinder an die Schule weiterzuschicken, Transportkosten für ein Krankenhausbesuch oder Operation zu bezahlen, und Medikamente zu kaufen. Schlechte Infrastruktur und mangelnde Hygiene sind allgegenwärtige Probleme. Die Armut hat viele Gesichter und es ist immer wieder eine Herausforderung gewesen der Armut entgegenzuwirken. Hier habe ich erfahren dürfen wie wichtig die Unterstützung des Vereins „Kindern eine Chance“ für die Menschen dort ist. Manchmal haben sich die Aufgaben überschlagen, und es geschah immer wieder, dass ich das, was ich mir vorgenommen hatte, verschieben oder umändern musste. Sei es, weil gerade ein technisches Problem auftauchte, sei es weil etwas anderes dazwischen kam. Zu manchen Problemstellungen entwickelte ich meine Erklärungstheorien. Später dann im Gespräch stellte sich heraus, dass das Problem ein anderes ist, und nach Lösung woanders geschaut werden muss.

Schlusswort

Bevor ich nach Uganda gefahren bin, habe ich mich einem intensivem „Studium“ gewidmet, um einigermaßen die Kultur, die Menschen, die Verhältnisse und die „Mission“ des Projekts zumindest ansatzweise besser zu verstehen. Ich hatte auch mit Ängsten zu kämpfen ob ich das überhaupt schaffen kann, denn Afrika war für mich ein blinder Fleck und es existierten meist negative Bilder von Armut, Gewalt, Krankheiten, …Mir war klar, dass ich mich von diesen Bildern und Projektionen verabschieden muss. Sicher gibt’s dies alles in Afrika, und auch in Uganda, aber es gibt auch ein anderes Afrika, ein sehr menschliches und sympathisches Uganda von dem man kaum hier in Europa was zu sehen und zu hören bekommt. Ein Uganda, stellte ich dann fest, in dem ich sehr freundlichen, großzügigen und hilfsbereiten Menschen begegnet bin. Selbst die ärmsten unter ihnen fanden etwas, was sie mir unbedingt von sich geben wollten wie z. B. ein Ei oder Jackfruit….

Ein Uganda in dem es Menschen mit viel Wissen und Wissensdurst gibt. Ein Uganda in dem es Menschen gibt, die hart arbeiten und bemüht sind, sich selbst und ihre Mitmenschen aus den miserablen Verhältnissen zu befreien. Und doch manchmal nicht wissen wie, oder es fehlt ihnen schlichtweg an finanziellen Mitteln.

Es benötigt eine gewisse Flexibilität und manchmal Improvisationskunst, um an eine Aufgabe kreativ heranzugehen. Ich versuchte dabei, eine „ auf Gegenseitigkeit beruhende, lernende Haltung“ einzunehmen, um den Menschen dort zu begegnen und mit ihnen zusammenzuarbeiten. Ich würde sagen, dass es mehr bewirkt hat als sie einfach nur zu belehren. Und es gibt noch viel zu tun.